Scherben im See

Bühne Die 80. Bregenzer Festspiele endeten mit einem Besucherrekord. Im Mittelpunkt stand Verdis „La traviata“ – erstmals auf der Seebühne und vor einem 28 Meter hohen, zerborstenen Spiegel, der sich in großen Teilen bewegen lässt.

Mit 28 Metern zählt das diesjährige Bühnenbild zu den flächengrößten der Bregenzer Festspiele. Der zerbrochene Spiegel wandelte sich während der gesamten Vorstellung entsprechend der Szenen. Die Bühne wurde außerdem durch ein Wasserbecken erweitert, das ein aktiv genutzt wurde. Anja Koehler

Rekord zum Jubiläum

Mit 275.000 Besuchern endeten die 80. Bregenzer Festspiele am 23. August 2026 – die höchste Besucherzahl seit der Gründung 1946. Rund 80 Veranstaltungen standen in fünf Festspielwochen auf dem Programm. Die Seebühnenproduktion „La traviata“ zählte in 28 ausverkauften Vorstellungen 193.474 Besucher, die Oper im Festspielhaus, „Die Ausflüge des Herrn Brouček“, war zu 98 Prozent ausgelastet. Besucherstärkster Tag in der Geschichte der Festspiele war der 1. August mit rund 15.000 Gästen, davon 6.600 beim „Singalong am See“ auf der Seetribüne.

Erstmals in acht Jahrzehnten stand Verdis „La traviata“ auf der Seebühne. Regisseur Damiano Michieletto und Bühnenbildner Paolo Fantin, beide zum ersten Mal in Bregenz, verlegen die Handlung in die 1920er-Jahre. Die Premiere am 22. Juli verfolgten rund 6.600 Zuschauer. Es spielten die Wiener Symphoniker unter Kirill Karabits und Pietro Rizzo.

700 Quadratmeter Spiegelwand

Aus dem Bodensee ragt ein zerborstener Spiegel. Er steht für Violettas inneren und äußeren Zerfall ebenso wie für die Oberflächlichkeit der Pariser Gesellschaft. Die 700 Quadratmeter große Wand setzt sich aus 86 Spiegelsplittern zusammen. Die größten sind über zwölf Meter lang und bis zu zweieinhalb Meter breit, die kleinsten rund 40 Zentimeter lang und 20 Zentimeter breit.

Die Splitter bestehen aus CNC-gefrästen Holzplatten, die mit bedrucktem Gewebe beklebt sind, die sichtbaren Kanten fassen grün lackierte Stegplatten. Für die Verklebung wurde gemeinsam mit den Festspieltechnikern eine eigene Maschine entwickelt. Sie trägt den Zwei-Phasen-Kleber gleichmäßig auf mehrere Quadratmeter große Platten auf und aktiviert ihn mit integrierten Heizstrahlern. Montiert wurden die Elemente auf der Seebühne an einer Stahlkonstruktion.

Mehr als die Hälfte der Splitter ist beweglich – 390 der 700 Quadratmeter können aktiv gefahren werden. Zugleich dient die Wand als Leinwand für Filmausschnitte aus Violettas Leben. 29 Lautsprecher sind unsichtbar integriert: In der Holzunterkonstruktion wurden Aussparungen vorgesehen und mit Metallgittern überspannt, bevor das Gewebe die gesamte Fläche überzog.

Insgesamt erstreckte sich der Spiegel auf
700 Quadratmeter und setze sich aus 86
Splittern zusammen. Anja Koehler

Implosion in exakter Reihenfolge

Für die sogenannte Implosion klappen zwölf Splittergruppen im Zentrum der Wand nach innen auf. Sie bestehen aus 24 beweglichen Segmenten, deren Gelenke jeweils ein Hydraulikzylinder antreibt. Alle Segmente müssen in genau definierter Reihenfolge und Geschwindigkeit fahren, sonst würden sie kollidieren. Zwei aufklappbare Spielflächen sind ebenfalls in die Wand integriert: bregenzseitig in rund acht Metern Höhe mit rund 60 Quadratmetern, lindauseitig in etwa zwölf Metern Höhe mit rund 15 Quadratmetern. Beide bewegt je ein Hydraulikzylinder.

Mehr als die Hälfte der Splitter sind beweglich und können
aktiv gefahren werden. Zeitweise dient die Wand als
Leinwand für Filmausschnitte aus Violettas Leben Anja Koehler

Ring, Kugel und Spiegelboden

Hauptspielfläche ist der 580 Quadratmeter große Spiegelboden aus Stahl und Holz, verputzt und wie Spiegelscherben bemalt, mit Lichtelementen in den Kanten. In der Bühnenmitte richtet ein Hydraulikzylinder den roten Ring mit acht Metern Durchmesser senkrecht auf. In ihm stecken 96 LED-Scheinwerfer und Frischwasserleitungen: Über Düsen wird das Wasser zerstäubt und als Nebel sichtbar. Die schwarze Kugel mit knapp sechs Metern Durchmesser besteht aus polyurethanbeschichtetem Polyester, ist auf eine Stahlkonstruktion aufgezogen und wird während der Aufführung mit Luft gefüllt. Eine Seilwinde zieht sie auf einer rund 23 Meter langen Fahrbahn aus der Spiegelwand.

Aus Sicht der Tribüne scheint das künstliche
Wasserbecken mit dem Bodensee eins zu werden Anja Koehler

Seewasser ohne Zusätze

Das Wasserbecken umfasst etwa 1.400 Quadratmeter und rund 400 Kubikmeter gefiltertes Seewasser bei rund 30 Zentimetern Tiefe. Die Holzkonstruktion ist mit Dachabdichtungsfolie ausgekleidet, darauf liegen ein Anti-Rutsch-Teppich und zwölf Rollen schwarzer Poly-Rasenteppich mit insgesamt 2,7 Tonnen. Zwei Unterwasserpumpen leiten das Wasser durch Hydrozyklon-Filter ins Becken, Zusätze gibt es keine. Das Volumen wird täglich getauscht und vor der Rückleitung in den Bodensee über Rückspülfilter gereinigt. Rückstände gehen in die Ortskanalisation, ein akkreditiertes Labor prüft die Wasserqualität regelmäßig. Vor und nach der Spielzeit werden sogenannte Seefenster geöffnet, damit der Seegrund bewittert wird.

Aufgebaut wurde ab Dezember 2025, beteiligt waren 36 externe Firmen. Die statische Spiegelwand setzten Biedenkapp Stahlbau (Hohenems) und i+R Holzbau um, die beweglichen Elemente Reisch Maschinenbau (Frastanz). Die bregenzseitige Spielfläche in der Wand und den Ring realisierte die Bereuter Holding AG (Volketswil, Schweiz) mit zahlreichen Subunternehmen. 2027 kehrt „La traviata“ auf die Seebühne zurück, Premiere ist am 22. Juli.

80. BREGENZER FESTSPIELE

  • 275.000 Besucher – Rekord seit der Gründung 1946
  • rund 80 Veranstaltungen in fünf Wochen
  • „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ (Festspielhaus): 98 Prozent Auslastung

LA TRAVIATA AUF DER SEEBÜHNE

  • Spielzeit: 22. Juli bis 23. August 2026, Wiederaufnahme 2027
  • Vorstellungen: 28, alle ausverkauft, 193.474 Besucher
  • Seebühne: maximal 6.722 Sitzplätze
  • Musikalische Leitung: Kirill Karabits, Pietro Rizzo | Wiener Symphoniker
  • Inszenierung: Damiano Michieletto | Bühne: Paolo Fantin | Kostüme: Carla Teti | Licht: Alessandro Carletti | Video: Roland Horvath
  • Violetta: Marjukka Tepponen (Premierenbesetzung)

DIE BÜHNE IN ZAHLEN

  • 86 Spiegelsplitter, zusammen 700 m², davon 390 m² beweglich
  • 29 Lautsprecher unsichtbar in der Spiegelwand
  • 580 m² Spiegelboden
  • 8 m Ringdurchmesser, 96 LED-Scheinwerfer
  • knapp 6 m Kugeldurchmesser, rund 23 m Fahrbahn
  • ca. 1.400 m² Wasserbecken, rund 400 m³ Seewasser, ca. 30 cm tief
  • 36 externe Firmen
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