Frau Jarmer, was braucht es technisch, damit Theater und Veranstaltungsräume für gehörlose Menschen barrierefrei sind?
In erster Linie Untertitel und Gebärdensprachdolmetschung. Untertitel gibt es etwa in der Wiener Staatsoper, aber oft sind sie gekürzt – das ist hilfreich, aber nicht ausreichend. Wer gehörlos ist, braucht Zugang zu allen Informationen: Sprache, Emotion, Musik. Das funktioniert nur, wenn Dolmetscher:innen live übersetzen, gut sichtbar und richtig ausgeleuchtet. Auf der Bühne muss ausreichend Platz sein oder eine Leinwand, auf der man sie klar erkennen kann.
Im Maßnahmenkatalog Ihres Verbands ist auch von visuellen Reizen und Induktionsschleifen die Rede. Wie weit ist Österreich hier?
Induktionsschleifen sind eine gute Unterstützung für schwerhörige Menschen mit Hörgeräten, aber gehörlosen Personen bringen sie gar nichts. Wichtig sind Lichtsignale, visuelle Alarme und eine gute Beleuchtung – etwa für Dolmetscher:innen oder Untertitel. Und wenn der Raum sehr dunkel ist, kann man Untertitel kaum lesen. Barrierefreiheit bedeutet, dass akustische Informationen immer auch visuell verfügbar sind – ob es sich um eine Ansage, eine Musikpassage oder einen Alarm handelt.
Echte Barrierefreiheit bedeutet, dass nicht nur Rollstuhlfahrer:innen, sondern auch sinnesbeeinträchtigte Personen vollen Zugang zu Kunst und Kultur bekommen. Wo steht der österreichische Kulturbetrieb hier?
Es gibt einzelne gute Beispiele, aber keine flächendeckende Barrierefreiheit. Manche großen Häuser, etwa das MuseumsQuartier oder die Staatsoper, haben punktuelle Angebote. Aber in den meisten Fällen ist es Stückwerk. Besonders kleine Theater haben oft keine Mittel, um Dolmetschung oder technische Systeme bereitzustellen. Das Bewusstsein wächst, aber sehr langsam.
Viele Veranstalter:innen sagen, Barrierefreiheit sei zu teuer. Sie argumentieren in Ihrem Maßnahmenkatalog, dass eine langfristige Planung die Kosten reduziere und zugleich größere Besuchergruppen anspreche.
Ja, Barrierefreiheit kostet etwas – aber sie bringt auch etwas. Sie schafft Zugang für neue Besuchergruppen. In Österreich sitzen allein 300.000 Menschen im Rollstuhl oder haben eine Gehbeeinträchtigung. Dann haben wir etwa auch eine halbe Million Menschen mit Hörbeeinträchtigungen. Das ist kein Nischenpublikum. Wer diese Menschen mitdenkt, erweitert sein Publikum und sorgt dafür, dass Kunst wirklich alle erreicht. Das ist eine gesellschaftliche Verpflichtung, keine freiwillige Leistung.
Bei Sanierungen werden oft Lifte als Maßnahmen für Barrierefreiheit präsentiert. Es braucht also mehr?
Natürlich. Ein Lift ist für viele wichtig, aber für gehörlose Personen kein Mehrwert. Barrierefreiheit muss ganzheitlich gedacht werden – auch für sinnesbeeinträchtigte Menschen. Wir werden inzwischen häufiger von Theatern oder Museen um Beratung gebeten, aber viele erwarten, dass wir das kostenlos machen. Das ist Arbeit, Expertise und sollte als professionelle Leistung gesehen werden.
Welche Rolle spielt neue Technik – etwa automatische Übersetzungen durch KI?
Im Moment keine brauchbare. Gebärdensprache hat eine eigene Grammatik und Struktur. KI kann das derzeit nicht zuverlässig abbilden. Eine professionelle Dolmetscherin transportiert Emotion, Rhythmus und Bedeutung – das kann kein Avatar. Vielleicht ändert sich das in 20 oder 30 Jahren, aber heute braucht es echte Menschen auf der Bühne.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft? Wie schaut Ihr Idealzustand der österreichischen Kunst- und Kulturbetriebe hinsichtlich Barrierefreiheit aus?
Ich wünsche mir, dass ich privat einfach ins Theater gehen kann und denselben Inhalt erlebe wie meine hörenden Sitznachbar:innen. Nicht nur Fragmente, sondern das volle Erlebnis – mit Untertiteln, Gebärdensprachdolmetschung und guter Sicht. Und ich wünsche mir das Bewusstsein, dass Inklusion kein Extra ist. Ganz wichtig ist hier die Einbeziehung der Expert:innen, von Menschen der unterschiedlichen Behindertengruppen – nur im Dialog kann Barrierefreiheit gelingen.
TECHNISCHE STANDARDS FÜR BARRIEREFREIHEIT
Untertitel & Gebärdensprachdolmetschung
Kombination beider Formen ermöglicht individuelle Zugänglichkeit.
Visuelle Signale
Lichtglocken, visuelle Alarme und optische Anzeigen ergänzen akustische Informationen.
Induktionsschleifen
Die Drahtschleifen erzeugen ein magnetisches Feld, das akustische Signale auf Hörgeräte überträgt
Barrierefreie Webseiten & Mediatheken
Inhalte in Gebärdensprache und mit Untertiteln; Relay-Dienste für Live-Kommunikation.
Beleuchtung & Platzierung
Gute Ausleuchtung und klare Sicht auf Dolmetscher:innen oder Untertitelung sind besonders wichtig.
-AE

