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Der Handabdruck steht für den positiven Einfluss, den wir durch strukturelle Veränderungen erzielen.

Margarete Reichel-Neuwirth ist Transformationsmanagerin, Kulturvermittlerin und Leiterin der Fachgruppe Nachhaltigkeit der OETHG. (Foto: Nic Schneeberger)

Der Nachtzug Wien–Paris wird eingestellt. Das trifft mich – bin ich die Strecke doch gerade noch gefahren. Vom Schaukeln des Zuges in den Schlaf gewiegt werden, die Lichter vorbeiziehen lassen, sich in Ruhe auf den Zielort einstellen – das gefällt mir. Leider ist Bahnfahren oft teurer als Fliegen (klimaschädliches Verhalten wird subventioniert), Buchungen sind kompliziert oder Alternativen zum Flugzeug gar nicht verfügbar. Als Einzelperson kann ich mich entscheiden: Nehme ich die teurere, umständlichere und längere Reise in Kauf, reduziere dafür aber meinen persönlichen ökologischen Fußabdruck? Oder setze ich mich für leistbares Bahnfahren ein und hinterlasse so einen positiven Handabdruck? Was tun? Hier kommt das Konzept des Handabdrucks ins Spiel.

Was ist der Handabdruck?

Der Begriff stammt vom Centre for Environment Education in Indien. Er beschreibt den positiven Beitrag, den wir leisten können, indem wir Strukturen verändern, andere motivieren und Wissen weitergeben. Anders als beim Fußabdruck geht es nicht darum, Schaden zu verringern, sondern Bedingungen zu schaffen, die nachhaltiges Verhalten einfacher und selbstverständlich machen. Denn klar ist: Mit individuellen Verhaltensänderungen allein lösen wir die globalen Krisen nicht.

Theater als Multiplikator

Beim Reisen bedeutet der Fußabdruck, auf Flugreisen zu verzichten und den Zug zu nutzen. Der Handabdruck wirkt darüber hinaus: Reiserichtlinien entwickeln, das Team bei der Wahl nachhaltiger Transportmittel unterstützen, den Dialog mit Produktionspartner:innen suchen. Im Bereich Bühnenbildbau reduziert der Fußabdruck Emissionen durch die Wieder- verwendung von Materialien. Der Handabdruck zeigt sich z. B. darin, gemeinsam Leitfäden für nachhaltigen Bühnenbau zu erarbeiten und sie anderen Theatern zugänglich zu machen. Beim Publikum verringert der Fußabdruck den ökologischen Impact durch regionales Catering oder digitale Tickets. Der Handabdruck hingegen wird durch Info-Formate für das Publikum oder in der Berichterstattung über die eigene Gemeinwohlbilanz sichtbar. So verändert Theater nicht nur einzelne Projekte, sondern Strukturen.

Perspektivenwechsel und Wirkung

Aber wer ist „das Theater“? Im Grunde genommen sind das wir – jede und jeder Einzelne. In kleinen Projekten, im Austausch mit Kolleg:innen oder Entscheidungsträger:innen, durch eigenes Engagement. Wenn wir unsere Talente bündeln, können wir größere Hebel bewegen und nachhaltige Veränderungen einleiten. Drei Fragen helfen dabei: Für welches Nachhaltigkeitsthema brenne ich und möchte mich einsetzen? Auf welche Art und Weise kann ich das tun? Und wer sind meine Verbündeten? Wenn wir uns gegenseitig unterstützen, schaffen wir positive Impulse und machen nachhaltige Themen zugänglich. So macht jede und jeder einen Unterschied.

Und der Zug?

Vielleicht fährt der Nachtzug Wien–Paris eines Tages wieder – nicht, weil Einzelne den teureren Weg wählen, sondern weil Strukturen so verändert wurden, dass nachhaltige Mobilität die logische, praktische und selbstverständliche Wahl ist. Wir können Mails schreiben, Petitionen unterzeichnen, Standards entwickeln – direkt bei der Bahn, bei politischen Entscheidungsträgern und … in unserem Theater! So bleibt unser Haus nicht nur Bühne, sondern wird Impulsgeber für eine nachhaltige Gesellschaft.

-Margarete Reichel-Neuwirth

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