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Das auffällig bunte Bühnenbild des „Barbier von Sevilla“ an der Wiener Staatsoper wirkt in seiner Darstellung simpel. Dahinter stecken jedoch zahlreiche neue Ideen und Umsetzungen.

Von der Idee bis zum Einsatz der farbigen Folien vergingen rund eineinhalb Jahre. Damit diese ganze Räume auf der Bühne entstehen lassen konnten, war eine ausgeklügelte Technik gefragt. Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Nach 55 Jahren kam eine neue Produktion von Rossinis Meisterwerk „Il barbiere di Siviglia“ ans Haus am Ring. Am 28. September 2021 feierte die von Michele Mariotti dirigierte Produktion ihre Premiere, erstmals inszenierte Herbert Fritsch an der Wiener Staatsoper. „Es gab die Idee, viel mit Licht zu machen – ganze Räume sollten durch Farbfolien entstehen. Wir hatten das Bild von Lichteinfällen durch farbige Fenster, Farbverläufe und Farbenspiele vor Augen“, beschreibt Michael Wilfinger, Stellvertretender Technischer Direktor an der Wiener Staatsoper, die Inspiration zum Bühnenbild.

Erste Herausforderung: Farbfolien

Damit stand das technische Team rund um Michael Wilfinger bereits vor dem ersten Problem: Transparente Folien zu entwickeln, die einen „Körper“ haben und nicht nur hauchdünn sind und knittern, mit vielen Farb­möglichkeiten, schwer entflammbar und in einer gewissen Größe und Qualität – etwas, was auf dem Markt nicht standardmäßig verfügbar ist. Gemeinsam mit den technischen Assistenten Benjamin Häusler und Alexander Spyra wurde nach Lösungen und einem Partner gesucht, der die Anforderungen erfüllen kann. Fündig wurden sie bei Andreas Paller, Geschäftsführer von Gerriets Austria, der über diese Herausforderung selbst erstmals zu grübeln hatte: „Wir haben zahlreiche Versuche durchgeführt: Klarsichtfolien transparent lackiert und unterschiedliche Folien verklebt. Lackiert war das Ergebnis nicht zufriedenstellend, da jedes Staubkörnchen sichtbar war. Eine Verklebung in Handarbeit würde funktionieren, ist jedoch größentechnisch nicht handhabbar. Immerhin handelt es sich um insgesamt 1.176 Quadratmeter!“ Schlussendlich wurde die schwer entflammbare Glasklarfolie (Breite 135 cm / Gewicht 385 Gramm) von Gerriets mit einer 0,08 mm transparent eingefärbten PVC-Folie unter hohem Druck mit Walzen verpresst. Anschließend wurde die Meterware in den Gerriets Werkstätten mit einer Hochfrequenz-Schweißanlage zu Flächen verarbeitet und konfektioniert. Das Ergebnis – das Kernelement des Bühnenbilds – sind 18 bunte Prospekte (Breite: 4 m, Höhe: 12 m) in elf verschiedenen Farben sowie neun bunte Soffitten in neun verschiedenen Farben (Breite: 18 m, Höhe: 4 m).
Um die Idee des Bühnenbildners zu verwirklichen, wurden die auffällig bunten Hänger mittels Gerriets Belt Track Schienenanlagen bewegt. Optimale Synchronität und exakte Positionierung sind durch einen schlupffreien, formschlüssigen Antrieb über Zahnriemen gewährleistet. Dafür wurden 18 motorische Anlagen mit einer Länge von je 19 m, ausgestattet mit 18 Stück Zug- und 54 Schwerlastaufwagen, eingesetzt – eine Technik die erstmalig auf einer österreichischen Bühne verwendet wurde.

Die Belt-Track-Schiene, verhängt in einem Alugitterträger. Foto: Gerriets

Zweite Herausforderung: Steuerung

Darüber hinaus sollten die Soffitten und Seitenhänger zeitgleich in vorgegebenen Bewegungen verfahrbar sein. „Das war bis zu diesem Zeitpunkt nicht möglich, da wir diese mit getrennten Anlagen steuerten. Die Bewegungen waren nicht synchron zu den Soffitten-Fahrten“, berichtet Wilfinger. So kam die Idee, die Seitenzüge auch in die Schnürboden-Steuerung CAT4 einzubinden. Unterstützung fand Wilfinger bei Waagner Biro Stage Systems, und hier beim Serviceleiter Philipp Mero: „Wir haben in unserem Produktportfolio Dekorationsautomation, fertige Hub- und Fahrachsen, natürlich in SIL3. Damit schaffen wir die Steuerung und die Schnittstelle für Dekorationsantriebe. Die fertige Dekoration lässt sich einfach mittels ‚Drag & Drop‘ montieren und ist somit relativ schnell vollwertig integriert. Über eine definierte Schnittstelle, ausgeführt mit Steckverbindungen, kann jeder Dekorationsbauer seine Antriebe vorbereiten, auf der Bühne anstecken und von den CAT-Pulten verfahren.“ Damit ließen sich die Farbfolien problemlos seitwärts sowie rauf und runter über die Schnürbodenanlage steuern. Der höhere Erstanschaffungspreis amortisiert sich bereits bei der nächsten oder übernächsten Produktion. „Üblicherweise wird die Steuerung inklusive Dekoration nach jeder abgelaufenen Produktion eingelagert oder entsorgt. Jene von Waagner Biro kann jedoch für nachkommende Produktionen und Dekorationen weiterverwendet werden“, rechtfertigt Mero die höheren Kosten. Mit einem zusätzlichen mobilen Server können die Dekorationsantriebe sogar bei Gastspielen oder auf den externen Probebühnen eingesetzt werden.

Für zwei Dekorationsachsen sind nur wenige Steuerungskomponenten notwendig. Foto: Waagner Biro

Dritte Herausforderung: Licht

Abschließend galt es noch, die zahlreichen komplexen Licht- und Farbeffekte mit den Hunderten Positionen der Farbfolien zu koordinieren. „Aufgrund der begrenzten Probezeit blieb uns keine andere Möglichkeit, als alle Bewegungen extern auf einem Computer vorzuprogrammieren und dann auf den hauseigenen Lichtcomputer einzuspielen“, weiß Robert Eisenstein, Beleuchtungsinspektor an der Wiener Staatsoper.

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